Flow - Programmieren mit Tunnelblick

Programmieren mit “Tunnelblick”, die Umwelt ausblenden und sich voll auf den Code konzentrieren. Ein toller Zustand bei dem die Stunden nur so vorbeifliegen. Häufig in Büros zu beobachten: Um wirklich von der Umwelt abgeschieden zu sein, haben die Leute Kopfhörer auf. Vielleicht sogar mit Geräuschunterdrückung. Das hilft gegen viele Ablenkungen von außen. Vielleicht kennst Du Den Zustand, nicht nur vom Computer. Du vergisst Raum und Zeit regelrecht. Du “versinkst” in dem was Du gerade machst. In der Psychologie wird dieses Phänomen Flow genannt. Es kann bei den unterschiedlichsten Aktivitäten auftreten. In diesem Artikel lernst Du worum es genau geht, was dahinter steckt und wie Du den Zustand bewusst herbeiführen kannst.

Was ist Flow?

Unter Flow versteht man einen Zustand der totalen Vereinnahmung durch die Aktivität. Der Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi hat sich über 30 Jahre damit auseinandergesetzt und das Phänomen untersucht. Seine Forschungsergebnisse hat er in dem Bestseller Flow – The Psychology of Optimal Experience veröffentlicht. Ein Buch das ich von Herzen empfehlen kann, auch ohne jeglichen Bezug zur IT-Welt.

Wenn Du Dich im Flow befindest, vergisst Du sprichwörtlich die Zeit um Dich herum. Stunde um Stunde vergeht wie im Flug. Die jeweilige Aktivität wird als sehr angenehm empfunden. Plötzlich ist der Tag vorbei, ohne das wir ständig auf die Uhr geschaut haben. Der Zustand wird durch unterschiedlichste Aktivitäten hervorgerufen. Ein gutes Beispiel sind Computerspiele. Eines der Erfolgsgeheimnisse vom “Shooter-Genre”, also 3D-Actionspiele wie Counterstrike, Quake und ähnliche Titel, ist der Zustand von Flow. Der Spieler geht voll in der Welt auf, erlebt seine Umwelt für den Moment nicht mehr bewusst.

Aber nicht nur am Computer existiert “Flow”. Durch die Natur der Computer ist er hier nur sehr bekannt geworden. Es sind eigentlich alle möglichen Facetten des Lebens betroffen. Der Entdecker hat in seinen Studien Menschen aus allen Bereichen befragt und untersucht. Dazu gehörten Topathleten, Künstler oder auch Extremsportler. Auch Tänzer oder Schachspieler sind Kandidaten für “Flow-Erlebnisse”. Du spielst gerade mit Deinen Kindern, baust eine Bude oder spielst Verstecken? Auch hier kann es zum Flow kommen.

Wissenschaftlich betrachtet ist der Flow ein Bereich optimaler geistiger Herausforderung. In diesem Bereich fühlen wir uns weder überlastet noch unterfordert. Wikipedia hat dazu ein wunderbares Diagramm:

Urheber: C.Löser
Urheber: C.Löser
Lizenz: CreativeCommons by-sa-2.0-de

Den Zustand hat fast jeder Mensch schon oft erlebt. Viele nehmen es aber nicht bewusst war. Noch weniger machen sich Gedanken ihn gewollt herbeizuführen. Dafür gibt es keine Standardformel, aber spannende Erkenntnisse unter welchen Bedingungen wir Flow erleben. Aus der Erfahrung vieler Erzählungen hat der Entdecker des Flow Rahmenbedingungen formalisiert und vier begünstigende Umstände festgehalten:

1. Ganz klare Ziele festlegen

Um überhaupt in den Flow zu gelangen musst Du im aktuellen Moment ein exakt definiertes Ziel verfolgen. Ich persönlich Gewichte diesen Punkt aus eigener Erfahrung mit 50-60%. Zwei Beispiele, um zu verdeutlichen was gemeint ist.

Stell Dir vor Du spielst Tennis. Ein wunderbares Beispiel, da die Spieler sehr schnell in den Flow kommen. Zwischen den einzelnen Aktionen liegen häufig nur wenige Sekunden. Der Ball wechselt sehr schnell die Seiten. Wenn Dein Ziel nur darin besteht das Spiel zu gewinnen, hast Du ein übergeordnetes Ziel vor Augen. Grundsätzlich lobenswert. Das hilft Dir aber in keiner Weise bei Deinem Spiel. Ein konkretes Ziel für den Moment: den Aufschlag beantworten. Oder die Konzentration auf den Gegner und den nächsten Ball, den der Gegner zu Dir spielt. Die Konzentration auf Deiner Rückhand, die Du dem Gegner präsentierst. Mit anderen Worten, ein ganz konkretes Ziel, das es zu erreichen gilt.

Nun ein zweites Beispiel, um auf unser Thema zurückzulenken. Wenn Du Programmierst kannst Du die Fertigstellung der Software als Ziel haben. Oder die Entwicklung von einem Modul. Das kann die Marschrichtung vorgeben. Es bringt Dich aber im jeweiligen Moment nicht vorwärts. Genau wie beim Tennis brauchst Du ein greifbares Ziel. Du schreibst gerade eine Methode zur Berechnung von Preisen? Dein greifbares Ziel ist im aktuellen Moment nur dieser kleine Bruchteil der Software. Übergeordnete Ziele sind wichtig, aber abstrakt. Du erreichst sie nur über hunderte kleiner Zwischenschritte. Und auf genau die musst Du Dich konzentrieren.

2. In der Aktivität versinken

Hier kommen die Kopfhörer ins Spiel. Es ist schwer sich voll auf eine Aufgabe einzulassen und gedanklich nicht abzuschweifen, wenn von außen Reizen wie Gespräche oder Umgebungsgeräusche auf Dich einströmen. Das gilt auch für optische Reize. Deshalb ist es lohnenswert den eigenen Schreibtisch möglichst aufgeräumt zu halten. Wenn Dich überall Kaffeetassen, Stifte, Zettel, Büroutensilien oder Gimmicks auf andere Gedanken bringen, unterbrichst Du Deinen Flow.

Auch der Fokus auf genau ein Projekt ist wichtig, gerade im Bereich der Entwicklung. Es gibt nahezu endlos viele Möglichkeiten. Du kannst viele Sprachen lernen, Dich auf verschiedenste Projekte stürzen und Unmengen an Ideen umsetzen. Du musst aber lernen seriell zu arbeiten, also ein Projekt nach dem anderen. Mehrere Aktivitäten parallel funktioniert nicht. Das gilt auch, oder ganz besonders für das sogenannte “Multitasking”. Es funktioniert in der Realität nicht, erhöht die Fehler und verhindert effektiv das Gefühl von Flow.

3. Volle Aufmerksamkeit auf den aktuellen Moment

Unser Gedankenkarussell dreht sich ständig. Wir führen einen inneren Dialog und nehmen den jeweiligen Moment nicht bewusst war. Und damit meine ich nicht vollständige Abwesenheit. Es sind viel mehr die Details, für die der Blick fehlt. Hier einige Beispiele.

Wie oft nimmst Du unter der Dusche einfach nur das Gefühl von warmem Wasser war? Wie oft hörst Du draußen einfach mal bewusst den Vögeln zu, ohne die Geräusche zu interpretieren. Wie oft bist Du beim Autofahren voll bei der Sache, also dem Geräusch des Autos, dem leichten Vibrieren des Sitzes? Wie oft konzentrierst Du Dich beim Essen einfach mal auf den Geschmack und den Geruch?

Ich bin sicher, dass Du in der einen oder anderen Situation nicht voll auf den jeweiligen Moment achtest, oder? Und genau das meint dieser Punkt: Achtsamkeit. Das klingt zugegeben toll, aber in der Praxis ist es natürlich schwer einen unbewussten Vorgang zu steuern? Richtig!

Es gibt mit der sogenannten Achtsamkeits-Meditations (Mindfulness) einen Weg Achtsamkeit zu trainieren. Das kann in Verbindung mit Yoga passieren. Es gibt sie aber auch vollständig losgelöst. Schon 10 Minuten pro Tag reichen als Grundlage. Das klingt für Dich alles sehr nach dem Wiederholen von Mantras, religiösen und abgefahrenen Praktiken? Weit gefehlt. Gerade in der IT-Welt ist Mindfulness-Meditation weit verbreitet. Um nur einige prominente Anhänger zu nennen: Steve Jobs, Kevin Rose (Gründer von Digg), Tim Ferriss (4-hour Workweek), Google, usw.

Die Meditation hilft Dir nicht nur den Zustand von Flow zu erleben. Sie reduziert auch messbar Stress. Du lernst mit Deinem inneren Dialog besser umzugehen. Viel wichtiger: Du merkst überhaupt, dass Du ihn führst. Wirklich unbedingt zu empfehlen. Ein toller und kostenloser Einstieg: die Mediation-App von Headspace.

4. Unmittelbare Erfahrungen wertschätzen

Dieser Punkt hängt aus meiner Sicht unmittelbar mit der Achtsamkeit zusammen. Ohne achtsam zu sein, fallen uns viele Kleinigkeiten gar nicht mehr auf. Oder werden als selbstverständlich hingenommen.

Gemeint ist die Freude über die kleinen Dingen. Ein kalter Windzug an einem heißen Tag, das wunderbare Gefühl von warmem Wasser beim Duschen, ein kalter Schluck Wasser nach dem Sport. Auch zu beobachten wie ein Kind mit einem Welpen spielt kann unglaublich toll sein. Barfuss am Strand spazieren gehen. All diese kleinen Eindrücke sind unglaublich wertvoll. Du musst Sie nur erkennen.

Und sie spielen eine Rolle wenn es darum geht in den Tunnel zu kommen. Denn Flow entsteht dann, wenn wir in der Tätigkeit aufgehen. Du hast gerade Deine Methode oder Klasse für die Software implementiert? Freu Dich genau darüber. So hangelst Du Dich von Erfolgserlebnis zu Erfolgserlebnis, jeden Tag. Wenn Deine einzige Bestätigung in der Fertigstellung einer neuen Softwareversion besteht, hast Du dieses Gefühl vielleicht nur alle paar Wochen. Das wäre für Dich persönlich sehr schade. Außerdem machst Du es Dir nicht einfacher in den Flow zu kommen.

Aller Anfang ist schwer

Flow entsteht wenn die notwendigen Schritte für die eigene Arbeit genau klar sind. Gerade wenn Du Programmieren lernst, Dich mit einer neuen Sprache befasst oder ein neues Framework kennenlernst dauert es ein wenig. Hier spielt die Lernkurve eine große Rolle.

Je länger es dauert bis Du Dich mit der neuen Technologie sicherer fühlst, desto länger dauert es bis erste Flow-Erlebnisse entstehen können. Wenn Du ständig in Dokumentationen, Referenzen und Beispielcodes schaust, wirst Du automatisch wieder abgelenkt.

In der Regel geht das aber sehr schnell, gerade beim Programmieren lernen. Sobald Du die ersten Ergebnisse eigenständig produzierst, vergisst Du früher oder später die Zeit um Dich herum.

Im Tunnel Programmieren

Bei der Arbeit wirst Du diesen Zustand nicht dauerhaft aufrecht erhalten. Immerhin ist es auch gesund zwischendurch Pausen zu machen, aufzustehen und Dich zu bewegen. Ständiges Sitzen ist gerade für den Rücken nicht gesund. Je mehr Dir Deine Arbeit Spaß macht und sich im oben gezeigten Bereich zwischen Unter- und Überforderung bewegt, desto häufiger wirst du im Tunnel sein. Vielleicht kennst Du den Film “The Social Network”? Dort wird dies auch dargestellt:

Die Menge macht das Gift

Doch Vorsicht ist geboten. Wie überall im Leben gilt auch hier: Die Menge macht das Gift. Es ist nicht ungefährlich sich voll in Flow-Erlebnissen zu verlieren. Es macht in der Tat stark süchtig. Bestes Beispiel sind Computerspiele. Vollständig im Flow zu sein ist hochgradig erstrebenswert. Es ist besonders einfach sich in Spielwelten zu verlieren, die dieses Gefühl hervorrufen. Ich sage das aus eigener Erfahrung. Ich habe über einen langen Zeitraum jeden Tag meine Freizeit nur am Computer verbracht. Es ist ein wenig wie eine Zeitmaschine. Der Film “Klick” stellt das Konzept anschaulich dar. Der Hauptdarsteller, gespielt von Adam Sandler, bekommt eine magische Fernbedienung. Mit der kann er Sequenzen in seinem Leben einfach “vorspulen” und überspringen. Später “lernt” die Fernbedienung welche Situationen er vermeidet und spult automatisch vor. Plötzlich sind mehrere Jahre vergangen. Er selbst hat davon nur Auszüge mitbekommen. Auch seine Umwelt reagiert auf seine Abwesenheit entsprechend. Was nach Science-Fiction klingt, ist bei Flow-Aktivitäten eine reale Gefahr. Es gilt eine Balance zu finden.

Was meinst Du?

Mich würde interessieren welche Erfahrungen Du bisher mit Flow-Erlebnissen hattest. Kennst Du dieses Gefühl, Raum und Zeit vergessen zu haben? Ich kann von Herzen empfehlen sich mit dem Thema näher zu befassen. Es bereichert das eigene Verständnis der Welt und kann in jedem Hinblick eine Bereicherung sein.

 

Kommentare (6)

  • indianer3c

    2 Jahren ago

    Hi Jan 🙂

    es freut mich wieder von dir zu lesen, sehr inspierender Artikel!

    • Jan Brinkmann

      2 Jahren ago

      Vielen lieben Dank! Ja, leider etwas Pause seit dem letzten Artikel. Ab jetzt aber wieder regelmäßig 🙂

  • Saul Goodman

    2 Jahren ago

    “Auch seine Umwelt reagiert auf seine Abwesenheit entsprechend. Was nach Science-Fiction klingt, ist bei Flow-Aktivitäten eine reale Gefahr.”

    Gerade dies ist ein wichtiger Aspekt. Ich bemerke oft das ich nach 4-5 Std. coden nicht wirklich mit meiner Umgebung interagiere … Sehr zum Leitwesen meiner Partnerin da sie jeden zweiten Satz wiederholen muss!
    Oft bin ich auch nach der Arbeit im Automodus, den meine Gedanken bzw. ich bin noch im “Flow” der gerade langsam abklingt.

    • Jan Brinkmann

      2 Jahren ago

      Ja, das ist tatsächlich so. Das ist aber nicht zwingend der “Flow”, gerade nach der Arbeit (vermutlich 8h+). Da kann es auch Erschöpfung sein. Ich brauche nach Feierabend mindestens 30Minuten um erst mal abzuschalten.

  • Dom

    2 Monaten ago

    Hi! Ich bin gerade mal auf diesen schon zwei Jahre alten Artikel gestoßen und möchte mal um Rat fragen.
    Ich bin Softwareentwickler und Programmiere auf der Arbeit bis zu 7 Stunden am Stück und muss mir teilweise schon einen Wecker Stellen, um meinen Feierabend nicht zu “verpassen”. Wenn ich im “Flow” bin bekomme ich nicht mit, wenn jemand den Raum betritt oder mich anspricht, wenn doch, dann kann ich Gesagtem nicht folgen, vergesse zu Antworten, und wenn ich doch etwas von mir gebe, dann bekomme ich kein gerades Wort heraus. So tragisch ist das jetzt nicht, die meisten wissen bescheid wie das läuft, was mich aber beunruhigt ist die Tatsache, dass dieser Zustand bei mir auch nach Abschluss der Tätigkeit noch bis zu eine Stunde oder sogar noch länger anhält. Autofahren funktioniert darin für mich sehr gut, da die Sinne absolut geschärft sind und die Situationen im Straßenverkehr fast schon Vorhersehbar erscheinen, aber simple Sachen wie das Zusammenpacken meiner Sachen (Laptop, Netzteil, etc.) wird zur Herausforderung, da ich sehr oft Dinge vergesse einzupacken, mich umsehe, ob ich alles habe und nicht merke, dass ich ohne Laptop o.Ä. aus dem Büro marschiere. Zuhause wundere ich mich dann. Zwischenmenschliche Kommunikation ist besonders schwer in der Abklingzeit, ob ich mich von Kollegen verabschiede oder zuhause mit meiner Freundin sprechen will, es ist kaum möglich.

    Daher meine Frage: Was kann ich tun, um die Abklingzeit des “Flows” zu beschleunigen? Was tut ihr?

    Viele Grüße!

    • Jan Brinkmann

      2 Monaten ago

      Die richtige Balance ist natürlich wichtig. Wenn Du aber außerhalb vom Computer nichts mehr mitbekommst, hat das aus meiner Sicht eher weniger mit Flow zu tun. Wenn niemand im Raum ist und man sich etwas verliert / konzentriert, OK. Aber ansonsten glaube ich nicht, dass Flow daran Schuld ist wenn man keine Interaktion mehr mit Menschen und der Umwelt betreibt. Einfach mal abschalten hilft bestimmt 🙂

Leave a Comment to Dom Cancel reply

Your email address will not be published.