Entwickler als digitale Nomaden

Die digitalen Nomaden sind noch eine relativ junge Bewegung. Es ist in gewisser Hinsicht eine neue Evolution der Arbeitswelt. Im Mittelpunkt steht der Wunsch nach mehr Freiheit, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Historisch gesehen sind Nomaden Menschen die an keinem Ort sesshaft sind, die wegen ökonomischer Aspekte nach einiger Zeit weiterziehen. Bei digitalen Nomaden geht es um den Wunsch die Welt zu bereisen. Auch die Möglichkeit in Ländern wie Thailand deutlich günstiger zu Leben, spielen eine Rolle bei der Namensgebung. Allerdings ist dies nur ein Aspekt und keine Voraussetzung. Du kannst Dich auch ohne den Drang zu Reisen mit der Kernidee identifizieren. In diesem Artikel geht es um den Lifestyle und warum Entwickler gute Voraussetzungen dafür mitbringen. Es geht um die Idee selbst. Die konkrete Umsetzung gibt es im Artikel nächste Woche. Aber Achtung: Dieser Artikel kann Deine Wahrnehmung Deiner bisherigen Arbeitswelt nachhaltig beeinträchtigen. Montage werden plötzlich zu ganz normalen Tagen. Weiterlesen nur auf eigene Gefahr!

Freelancer, die Vorläufer der digitale Nomaden

Ich habe vor einiger Zeit ein Blog erfolgreich-freelancer.de geführt. Das ist noch online, schlummert aber aktuell. Hintergrund war die gleiche Idee, die heute als Lifestyle Business, digitales Nomadentum oder als Solopreneur bezeichnet wird. Es ging nicht um den klassischen Freiberufler. Mein Antrieb war der Freiheitsgedanke. In der Zwischenzeit habe ich es deshalb auch umbenannt und auf ninetolife.de getauft, um genau diesem Aspekt Rechnung zu tragen. Außerdem habe ich in der Zwischenzeit unendlich viel gelernt, habe mich selbstständig gemacht und bin ein Onlineunternehmer.

Auch, oder gerade deshalb, fühle ich mich gedanklich dem digitalen Nomadentum unendlich nah. Vorläufer dieser Bewegung sind im englischen Sprachraum Freelancer gewesen. Fokus war dabei ein Onlinebusiness, oder Lifestyle Business wie Tim Ferriss es in der 4-Stunden Woche nennt. Und dabei geht es nicht um finanzielle Überlegungen. Für mich ist der Aspekt der Selbstverwirklichung das zentrale Thema. Reiseblogger finden diese Erfüllung auf der Weltreise. Ich möchte gerne anderen Menschen helfen Programmierer zu werden, bestimmte Aspekte der Programmierung zu verstehen und den Weg in die Software-Entwicklung zu finden.

Und was hat dies nun mit Dir zu tun? Egal ob Du Entwickler werden willst oder bereits bist: es geht um Deinen beruflichen Weg. Es gibt dabei nur zwei mögliche Laufbahnen. Der naheliegende Weg ist die Anstellung als Entwickler. Es gibt natürlich viele Fachrichtungen. Das Model bleibt aber gleich. Du bist im Unternehmen angestellt, bekommst monatlich Dein Gehalt und hast begrenzt Möglichkeiten zum Aufstieg. Auch mit Angeboten wie Homeoffice, flexibler Arbeitszeit und anderen Annehmlichkeiten bleibt Deine Tätigkeit weitestgehend an die 40+ Arbeitsstunden jede Woche gebunden. Du verbringst einen großen Teil Deines Lebens im Unternehmen, baust für andere Menschen etwas auf und wirst dafür wie vereinbart entlohnt.

Ich stelle das System nicht grundsätzlich in Frage. Ich möchte nur zum Nachdenken anregen. Denn es gibt mehrere Schwachstellen in diesem Konzept.

Entwickler als Angestellte

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(Quelle: 20th century companies by opensource.com, used under CC BY-SA)

Zum einen baust Du etwas für andere Menschen auf. Egal wie viel Herzblut und Verantwortung Du investierst. Im Endeffekt bist und bleibst Du vollständig ein Asset, mehr oder weniger jederzeit austauschbar. Auch wenn Du Dich vielleicht in Deiner Rolle wichtig fühlst, am Ende läuft es in jedem Unternehmen weiter. Egal ob Du selbst irgendwann etwas anderes entdecken möchtest, Dich mit Deinem Chef nicht mehr verstehst oder die Firma vielleicht wegen schlechtem Management vor die Wand fährt: Du stehst im wahrsten Sinne des Wortes mit leeren Händen da.

Da Du nicht der Unternehmer bist, hast Du am Ende auch nur bedingt Einfluss auf die getroffenen Entscheidungen. Egal ob dies die eingesetzte Technologie oder das Personal betrifft. Wenn Dir die eingeschlagene Richtung oder die Kollegen nicht gefallen, musst Du dies am Ende so akzeptieren. Du bist und bleibst ein kleines Rad in einem größeren System.

Der finanzielle Aspekt spielt aus meiner Sicht eher eine untergeordnete Rolle. Ich mache mir heutzutage nicht mehr viel auf Konsum. Luxus hat mich noch nie gereizt. Und trotzdem hast Du als Angestellter im Vergleich zu dem was möglich ist, nur eine begrenzte Vergütung. Klar, Du gibst im Gegenzug auf Risiko an den Unternehmer ab. So zumindest die Theorie.

Denn ein weiterer Aspekt ist das Risiko als Angestellter. Das wird aus meiner Sicht viel zu niedrig eingeschätzt. Ein gutes Beispiel ist der VW-Konzern. Die Jobs galten als extrem sicher. Das Geschäft lief optimal, das Unternehmen war auf Kurs. Quasi über Nacht wird der Betrug aufgedeckt, der auf höherer Ebene entschieden wurde. Die Folgen sind noch nicht abzusehen. In jedem Fall stehen aber Jobs auf dem Spiel. Auch wenn es eine andere Branche ist, zeigt dies wie schnell Dich das Schicksal in jedem etwas größeren Konzern schnell ereilen kann.

Ein weiteres Beispiel ist Wincor Nixdorf. Auch dieses Unternehmen galt in Ost-Westfalen-Lippe als sicherer Arbeitgeber. In meiner Jugend hättest Du dort als Angestellter einen angesehenen Job in einem IT-Konzern gehabt – vermeintlich sicher. Das ist heute ganz anders, da das Kerngeschäft (Geldautomaten, Zahlungsterminal, usw.) nicht mehr den gleichen Absatz findet. Es werden nun knapp 1000 Leute den Job verlieren. In einer Region wie Paderborn werden also bei vielen Unternehmen Bewerbungen auf die gleichen Stellen eingehen. You do the math.

Entwickler als digitale Nomaden

Learning and socializing on the beach

(Quelle: Learning and socializing on the beach by Ingo Bernhardt, used under CC BY)

Die Idee ist nun nicht einfach nur als Freiberufler selbstständig zu werden. Das würde die Abhängigkeit eigentlich nur verlagern. Auch dann bist Du auf die gute Konjunktur Deiner Kunden angewiesen, hast weiterhin die 40+ Stunden pro Woche (als Selbstständiger sogar eigentlich deutlich mehr) und musst sogar noch deutlich mehr Aufgaben übernehmen. Außerdem lebst Du immer mit dem Risiko nicht genügend Umsatz zu machen, nicht rechtzeitig bezahlt zu werden und musst in der Lage sein selbstmotiviert zu arbeiten.

Das andere Extrem ist eine klassische Unternehmensgründung, der Aufbau von einem Startup oder einem eigenen Geschäft. Aber auch hier steuerst Du auf ähnliche Probleme zu. Als Unternehmer bist Du zwar freier und hast mehr Kontrolle über das Schicksal der Firma. Aber spätestens wenn Du mit Fremdkapital arbeitest, Investoren mit im Boot sitzen oder Du Risikokapital zur Finanzierung nutzt, sitzt Du in einer ähnliche Falle. Du gibst Firmenanteile ab, gibst also Stimmrechte ab und bist auf die Verbesserung der Ergebnisse angewiesen. Der Traum von Freiheit, die Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung treten auch hier in den Hintergrund.

Die Antwort liegt daher in der Mitte. Tim Chimoy von Earthcity hat das Ziel in einer Podcast Folge sehr schön beschrieben. Als Freelancer kannst Du Dich gerade in der erster Zeit mit Dienstleistungen über Wasser halten, Rechnungen bezahlen und Deine Existenz sichern. Nebenbei baust Du Dir kontinuierlich Einnahmenquellen auf, die nicht nach dem eins zu eins Prinzip arbeiten. Statt eine Stunde Arbeit anzubieten und genau für die Geld zu bekommen, nutzt Du Deine Zeit und erzeugst weitere Assets. So wird mittel- und langfristig eine Stunde Aufwand mehrfach bezahlt. Das können ein Online-Shop, Affiliate Seiten, Bücher, Videotrainings oder auch Projekte ohne Fremdfinanzierung sein. Ein erfolgreiches Beispiel dafür ist fastbill.de von Christian Häfner.

Im Endeffekt ist also die Idee nicht nur hart zu arbeiten, sondern auch intelligent. Du baust Dir also mehreren Standbeine auf und verteilst das Risiko. Du bindest Dich also nicht an einige Kunden, stützt Dich nicht nur auf ein einziges Produkt oder nur ein Projekt. Je mehr Du diese Einnahmen ausbauen kannst, desto unabhängiger wirst Du. Vielfach wird dies auch als passives Einkommen bezeichnet. Das finde ich allerdings absolut falsch. Ich erstelle nichts und vergesse es dann. Ich entwickle alle Produkte weiter und, noch viel wichtiger, unterstütze die Kunden später. Es entsteht also weiterhin Arbeit, weshalb passiv nicht die passende Bezeichnung ist.

Aber von solchen Einnahmequellen kannst Du nicht von heute auf morgen leben. Das benötigt Zeit. Deshalb ist es spannend nebenbei als Freelancer zu arbeiten. Und genau da kommen Deine Fähigkeiten als Entwickler ins Spiel.

Gute Entwickler werden gesucht

Wikimedia Hackathon

(Quelle: Wikimedia Hackathon 2013, Amsterdam by Sebastiaan ter Burg, used under CC BY)

Es werden in vielen Bereichen Software-Entwickler gesucht. Die Lösungen werden komplexer, der Bedarf an Software jeglicher Art größer. Es entsteht immer mehr Raum zur Spezialisierung. Die ersten Entwickler haben an Lochkarten das mögliche Spektrum abgedeckt. Später kamen Sprachen wie Fortran, C usw. hinzu. Auch da gab es noch den universellen Entwickler. Der Trend ging durch das gewachsene Angebot schließlich immer mehr zur Differenzierung. Die Webentwickler sind auf die Bildfläche getreten. Und selbst da gab es zu Beginn den Alleskönner, der HTML und PHP abgedeckt hat. Heute gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen Frontend- (HTML, CSS, JavaScript) und den Backendspezialisten (PHP, Ruby, Python, usw). Auch innerhalb von JavaScript gibt es zum Beispiel unterschiedliche Experten für jQuery, AngularJS oder NodeJS. Diese Tendenz prägt sich weiter aus.

Die beste Nachricht für Dich – in dieser Gleichung ist der Mensch kurz- und mittelfristig nicht zu ersetzen. Beste Aussichten für Entwickler! Auch deshalb gilt: Programmieren lernen und weiterbilden lohnt sich unbedingt! Denn dieser Bedarf wird schon lange nicht mehr nur durch Agenturen und große Softwarehäuser gedeckt. Es gibt schon länger Freelancer und Selbstständige, die auf diesem Markt mitmischen. Ob Du dabei nun als digitaler Nomade die Welt bereist oder einfach nur mehr Freiraum für Deine Interessen wie Sport, Familie oder andere Hobbies möchtest, spielt keine Rolle.

Dabei geht es wie in jedem Business auch weiterhin mit um den Kunden. Für den ist der Lifestyle des Dienstleisters zweitrangig. Das Ergebnis und das Gesamtpaket zählt. Und ein wesentliche Vorteil ist nicht nur die persönlichere Beziehung. In der Regel kannst Du auch einen deutlich günstigeren Stundensatz anbieten. Immerhin hast Du auch deutlich weniger Fixkosten zu zahlen. Wenn Du zuverlässig arbeitest, entsteht eine echte WIN-WIN Situation.

Fazit

Die Chancen waren in Zeiten von immer wieder gemeldeten Umbrüchen in großen Konzernen für Entwickler nie besser. Auch im Alter zwischen 40 und 50, wo früher viele um einen neuen Job gebangt haben, bietet Dir das Internet ungeahnte Möglichkeiten. Die Chance Dich als Experte zu positionieren, war nie besser. Ich kenne viele Selbstständige, die ein vergleichsweise kleinen Nischen ein besseres Gehalt erwirtschaften als viele Angestellte. Und im Bereich der IT werden überall fähige Leute gesucht.

Dir gefällt die Vorstellung? Dann freue ich mich von Dir zu hören. In jedem Fall darfst Du auf nächste Woche gespannt sein. Da gibt es konkrete Hinweise, wie Du auch oder gerade als Programmierer ein digitaler Nomade werden kannst.

 

Foto: Bohol Beach Club Watch Tower by Greg, used under CC BY / Original used as background

Kommentare (6)

  • Jan Belke

    2 Jahren ago

    Vielen Dank für den Post, Jan! Sehr inspirierend. Das Leben eines digitalen Nomaden ist eine spannende und absolut mögliche Alternative zum klassischen Berufsleben. Ich denke die Bewegung hat gerade erst begonnen, und wir werden in Zukunft eine zunehmende Anzahl an Menschen sehen, die sich für dieses Lebensmodell entscheiden. Du gibst einige Beispiele (Online-Shop, Affiliate Seiten, Bücher, Videotrainings oder auch Projekte ohne Fremdfinanzierung), und kannst vielleicht in einem zukünftigen Beitrag noch einmal genauer auf diese eingehen. Viel Erfolg! 🙂

    • Jan Brinkmann

      2 Jahren ago

      Hey, herzlichen Dank für den Kommentar! Ja, da gehe ich nächste Woche noch einmal im Detail drauf an. 🙂

  • Kim Peter

    2 Jahren ago

    Hallo Jan,

    ja, das ist ein sehr interessantes Thema.

    Auch wenn ich kein digitaler Nomade bin, übt dieser Lifestyle eine große Faszination auf mich aus.

    Und Programmieren beschäftigt mich schon fast mein vollständiges Berufsleben (ca. 15 Jahre). Wie man die Brücke zwischen den beiden Bereichen schlagen kann interessiert mich brennend.

    Ich glaube die Spezialisierung ist hierbei ein wichtiger Punkt, da man sich in einem Bereich als Expoerte positionieren muss.

    Viele Grüße
    Kim

    • Jan Brinkmann

      2 Jahren ago

      Hey, vielen Dank für den Kommentar! Freut mich sehr :-). Dann darfst Du gespannt sein auf den nächsten Beitrag. Da geht es genau um das Thema. Praxisbezug pur.

  • Ralf

    2 Jahren ago

    Hallo Jan, danke für den guten und interessanten Artikel. Da ich momentan eine Umschulung mache, ist er für mich besonders interessant, da ich mich danach Beruflich neu aufstellen muss. Da sollte ich alle möglichen Aspekte genau betrachten.

    Gruß und Danke.

    Ralf

    • Jan Brinkmann

      2 Jahren ago

      Vielen Dank für die Rückmeldung! Morgen kommt der neue Artikel 🙂

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